Vollformat vs. APS-C: Was der Crop-Faktor wirklich bedeutet

Wer mit zwei Kamerasystemen unterwegs ist, stolpert früher oder später über den Begriff Crop-Faktor. Ich fotografiere sowohl mit einer Vollformatkamera (Sony A7V) als auch mit einer APS-C-Kamera (Sony A6700) – und wollte endlich mal handfest zeigen, was der Unterschied in der Praxis bedeutet. Dafür habe ich in Moritzburg ein Ruderboot als Motiv genommen und es mit beiden Kameras bei identischer Brennweite fotografiert.

Was ist der Crop-Faktor überhaupt?

Der Sensor einer APS-C-Kamera ist kleiner als der einer Vollformatkamera – bei Sony liegt der Crop-Faktor bei etwa 1,5x. Das bedeutet: Ein und dasselbe Objektiv mit derselben Brennweite „sieht“ auf dem kleineren Sensor einen kleineren Bildausschnitt. Das Motiv wirkt dadurch stärker herangezoomt, obwohl sich an der eigentlichen Brennweite des Objektivs gar nichts ändert.

Der Vergleich bei 198mm

Auf den beiden Fotos seht ihr das Boot am Ufer, aufgenommen mit exakt derselben Brennweite von 198mm – einmal mit der Vollformatkamera, einmal mit der APS-C-Kamera. Der Unterschied ist auf den ersten Blick sichtbar: Auf dem Vollformatbild ist deutlich mehr vom Ufer und den Bäumen drumherum zu sehen, das Boot wirkt kleiner im Bild. Auf dem APS-C-Foto dagegen ist der Bildausschnitt spürbar enger, das Boot füllt einen größeren Teil des Bildes aus.

Umgerechnet entspricht die Brennweite von 198mm auf der APS-C-Kamera also einer „gefühlten“ Brennweite von rund 297mm im Vollformat-Vergleich.

Der Effekt bei 600mm wird noch deutlicher

Bei den unteren beiden Fotos wird der Unterschied noch einmal richtig anschaulich. Beide Aufnahmen entstanden mit 600mm Brennweite – doch während auf dem Vollformatbild noch ein guter Teil des Ufers und der Wurzeln zu sehen ist, füllt das Boot auf dem APS-C-Bild fast den kompletten Bildausschnitt aus. Der zweite Bootsteil hinten rechts wird auf dem APS-C-Foto sogar angeschnitten, weil der Bildwinkel so viel enger ist.

Rechnerisch entspricht das Bild der APS-C-Kamera bei 600mm einer Brennweite von rund 900mm im Vollformat.

Was bedeutet das für die Praxis?

Für mich als Naturfotografin ist das ein sehr praktischer Nebeneffekt: Wenn ich Vögel oder andere scheue Motive aus der Distanz fotografieren möchte, bekomme ich mit der APS-C-Kamera bei gleicher Brennweite automatisch mehr „Reichweite“ – ohne ein teureres, längeres Objektiv kaufen zu müssen. Das macht die APS-C-Kamera zu einer echten Ergänzung, wenn Tele-Reichweite gefragt ist.

Der Vollformatsensor spielt dafür seine Stärken woanders aus: bei mehr Details in Schatten und Lichtern, einer saubereren Bildqualität bei wenig Licht und einem sanfteren Freistellen des Motivs vom Hintergrund (Bokeh), weil bei gleicher Blende auf Vollformat die Schärfentiefe geringer ausfällt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Rauschverhalten bei höheren ISO-Werten. Da der Vollformatsensor deutlich größer ist, fallen auch die einzelnen Pixel größer aus und können mehr Licht einfangen. Das macht sich vor allem bei wenig Licht bemerkbar – etwa in der Dämmerung oder im dichten Wald – wenn man zu höheren ISO-Werten greifen muss: Auf Vollformat bleibt das Bild dabei spürbar sauberer, während APS-C-Aufnahmen bei gleicher ISO-Einstellung schneller sichtbares Bildrauschen zeigen. Wer also häufig bei schlechten Lichtverhältnissen fotografiert, profitiert hier klar vom größeren Sensor.

Fazit

Der Crop-Faktor ist kein Nachteil und kein Vorteil per se! Er verändert einfach, was man mit einer bestimmten Brennweite erreicht.

Trotz all dieser Überlegungen greife ich bei meinen Tierfotos zu etwa 95% zur Vollformatkamera. Der Grund: Meine Sony A7V hat genug Pixel, dass ich auch im Nachhinein noch großzügig zuschneiden kann, ohne an Bildqualität einzubüßen. Ich wähle also praktisch meinen eigenen „Crop“ erst am Rechner. Das geringere Rauschverhalten ist mir dabei persönlich wichtiger als die zusätzliche Reichweite, die eine APS-C-Kamera automatisch mitbringt.

Für mehr Brennweite nutze ich stattdessen lieber einen Telekonverter. Der hat allerdings seinen eigenen Kompromiss: Er kostet mich Blende, ich muss also mit weniger Licht auf dem Sensor arbeiten und entsprechend wieder mit dem ISO-Wert jonglieren. Am Ende ist es wie so oft in der Fotografie eine Abwägung – und für mich persönlich überwiegt der Vorteil des saubereren Bildes.